Burkhard Sievers: So heilt man heute – Die häufigsten Volkskrankheiten geschlechtsspezifisch behandeln, 208 Seiten, farbige Illustrationen, 24,99 €, ISBN 978-3-96584-303-5, ZS-Verlag München 2023.
Die Gendermedizin ist eine noch recht junge Fachdisziplin der Humanmedizin. Sie befasst sich mit den biologischen, psychosozialen und kulturellen Unterschieden der Geschlechter und deren Einflussnahme auf Gesundheit, Erkrankungen, Krankheitserleben, Therapien und Prävention. Ihre Ziele sind, Krankheitssymptome differenzierter zuzuordnen, geschlech- tersensibler zu diagnostizieren und Therapien individueller und gerechter anzupassen. Sowohl an Forschung als auch an praktischer Umsetzung besteht hierzulande im Vergleich zu den USA noch Aufholbedarf. Umso dankbarer darf man Burkhard Sievers für sein Buch sein, in dem er leicht verständlich bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse und die praktische Anwendbarkeit der Gendermedizin vermittelt. Frauen und Männer sollen um die vielen kleinen Unterschiede und deren markanten Folgen für die Gesundheit wissen. Das stärkt ihre präventive Selbstfürsorge und kann im Krankheitsfall entscheidend für den Behandlungs- und Genesungserfolg sein.
Herbstausgabe Verbandszeitschrift LVS/PR „Herz in Bewegung“
Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie, hat eine Zusatzqualifikation Gendermedizin erlangt und engagiert sich als stellvertretender Vorsitzender in der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsmedizinische Medizin e. V. In den einleitenden Kapiteln veranschaulicht er, wie es zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden kommt,
die sowohl die Symptomatik als auch die Krankheitsverläufe betreffen. Obwohl Frauen und Männer neben ihren jeweils eigenen primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen die gleichen inneren Organe mit den gleichen Funktionen haben, ticken ihre Körper und auch ihre Seelen anders. Biologisch sind es vor allem die Gene, die Hormone und der Stoffwechsel, die die weiblichen und männlichen Spezifika ausmachen. So profitieren Herz, Gehirn und Immunsystem bei Frauen von ihrem doppelten X-Chromosom. Das weibliche Immunsystem kann Infektionen besser abwehren und bildet nach Impfungen schneller Antikörper als das männliche. Der Nachteil aber ist, dass Frauen häufiger Autoimmunkrankheiten bekommen, weil ihr Immunsystem oft überreagiert und körpereigene Zellen angreift wie bei Morbus Hashimoto, Multipler Sklerose oder Rheuma. Dagegen haben Männer aufgrund ihres Y- und ihres nur einfachen X-Chromosoms andere Erbinformationen, die ihr Immunsystem weniger stark ausbilden. Damit lässt sich zum Beispiel das erhöhte geschlechtsabhängige Krebsrisiko erklären. Auch die Geschlechtshormone wirken außerhalb ihrer Sexual- funktionen auf Gesundheit und Krankheit anderer Funktionssysteme ein: Das weibliche Östrogen stärkt das Immunsystem, während das männliche Testosteron es schwächt. Das könnte der Grund dafür sein, dass Testosteron eine schwerer verlaufende COVID-19-Erkrankung bei Männern verursachen kann. Doch ein ausgeglichener Testosteronspiegel wiederum schützt die Männer vor Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes. Ebenso finden sich Unterschiede bei den Organfunktionen und Stoffwechselvorgängen: Darm und Leber arbeiten bei Frauen langsamer, was heißt, dass Frauen langsamer verdauen als Männer. Die Nahrung und auch Medikamente brauchen länger, um den Magen-Darm-Trakt zu passieren. Damit haben schädliche Stoffe mehr Zeit, die Darmwand anzugreifen. Zudem ist die weibliche Leber kleiner als die männliche und braucht für ihre Entgiftungsaufgaben mehr Zeit. Infolge dessen vertra- gen Frauen weniger Alkohol. Wie der „Gender-Blick“ auf Blase, Fettgewebe, Gehirn, Knochen, Herz und Lunge zeigt, hat jedes Organ seine weibliche und männliche Ausprägung mit Vor- und Nachteilen. Und sind die Unterschiede noch so klein oder schei- nen belanglos, für die medizinische Behandlung, vor allem für die Dosierung von Medikamenten sind sie von entscheidender Relevanz. Frauen benötigen beispielsweise bei vielen Medikamenten eine 30- bis 40-prozentig niedrigere Dosis als Männer, um die gleiche Wirksamkeit zu erzielen. Wird dies nicht beachtet, treten bei Frauen bis zu 30 Prozent mehr Nebenwirkungen auf. Gleiches gilt auch hinsichtlich präventiver Einnahmen von Nahrungsergänzungsmitteln. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss der gesellschaftlichen Rollenzuweisung von Frau und Mann, des individuellen Lebensstils, der Gewohnheiten sowie der Verhaltens- und Kommunikationsweisen auf Gesundheit, Erkrankung und Heilung. Der Autor geht daher auch auf eine gendersensible Verhaltensprävention ein. Seine Empfehlungen beziehen sich auf gesunde Ernährung, Essverhalten, Stressmanagement, ausreichend Bewegung im Alltag, Reduzierung oder Meidung von Genussmitteln wie Alkohol und Nikotin.
Im Hauptteil des Buchs beschreibt Burkhard Sievers Symptomatik, Therapie und Prävention der häufigsten Volkskrankheiten nach genderspezifischen Erkenntnissen: Bluthochdruck, Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Herzerkrankungen, Übergewicht, Schilddrüsenerkrankungen, Osteoporose, Krebserkrankungen, Depressionen, Demenz sowie COVID-19 und Long-COVID. Jede hier mit „weiblichen“ und „männlichen“ Fallbeispielen verdeutlichte Krankheit hat ihr eigenes Kapitel. Im Interesse der Leserinnen und Leser von „Herz in Bewegung“ sei daher ein Blick auf drei beispielhafte Genderspezifika bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems gestattet. Hypertonie: Blutdruckwerte wurden lange Zeit bei Frauen und Männern gleich betrachtet. Um Frauen gerechter zu wer- den, unterscheiden sich nach aktuellen Leitlinien Norm- und Grenzwerte. So liegen bei über 65-Jährigen die Normwerte für Frauen bei 130/80 bis 135/85 mmHg und für Männer bei 135/89 bis 139/89 mmHg. Folglich erreichen Frauen hypertonische Blutdruckwerte eher als Männer und sollten demnach auch früher behandelt werden. Was aber nicht heißt, dass sie höhere Dosen an blutdrucksenkenden Medikamenten einnehmen müssen; im Gegenteil, sie brauchen niedrigere Dosierungen, um unerwünschte Nebenwirkungen wie zum Beispiel Elektrolytstörungen zu vermeiden. Dauerstress ist eine der Hauptursachen für eine primäre Hypertonie bei Frauen, bei Männern Übergewicht.
Stressabbau, Stressvermeidung und eine gesunde Lebensstiländerung sind für beide Geschlechter zugleich wichtige Komponenten der Hypertonietherapie und -prävention. „Frauenherzen schlagen anders“, titelt der Autor im Herzkapitel. Frauenherzen sind kleiner als Männerherzen, müssen achtmal mehr pro Minute schlagen und pumpen dennoch weniger Blut (3,6 Liter) durch den Körper. Bei Männern sind es zirka 4,5 Liter. Frauenherzen erregen sich rascher und leiten die Erregungen schneller weiter als Männerherzen. Die Erregungsrückbildung jedoch dauert bei Frauen länger als bei Männern. Damit haben Frauen ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen und das lebensbedrohliche Kam- merflimmern. Rhythmusstörungen bei Männern führen eher zu Vorhofflimmern. Auch bei kardiovaskulären Erkrankungen unterscheiden sich die Symptome. So kommt der bei Männern typische retrosternale Schmerz beim Herzinfarkt bei Frauen nur selten vor. Vielmehr erleiden sie Infarkte ohne verengte Koronargefäße, wobei aber ein Blutgerinnsel plötzlich die Kranzgefäße verstopfen kann. An Symptomen äußern sie oft Übelkeit, Rückenschmerzen, Druckgefühl im Oberbauch, Luftnot und Leistungsschwäche.
Schlaganfälle haben kein eigenes Kapitel, werden aber immer wieder als Folge von Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen, erhöhten Cholesterinwerten und Diabetes mellitus thematisiert. So dargestellt zeigt sich deutlich, dass Volkskrankheiten nicht einzeln für sich, sondern als Zusammenspiel zu verstehen sind. Ein ischämischer Schlaganfall, Hirninfarkt, tritt häufiger auf (vor allem bei Frauen) als ein hämorrhagischer Schlaganfall, Hirnblutung. Bei anderen Krankheiten erfahren Männer hinsichtlich Diagnose und Therapie Benachteiligung. Osteoporose zum Beispiel hielt sich lange als eine Alterskrankheit der Frau. Bei älteren Männern wurden dagegen starke Muskel- und Knochenschmerzen am Rumpf für „Volksleiden Rückenschmerzen“ gehalten, doch auch ihre Knochen können brüchig werden. Auch Depressionen wurden bei Männern lange unter- oder fehldiagnostiziert, was besonders junge Männer in die Alkohol- und Drogensucht und den Suizid führte.
Fazit
Ein sehr zu empfehlendes Buch! Es klärt ausführlich über gesundheits- und medizinisch relevante Geschlechtsspezifika auf. Es regt an, sich mit der eigenen Gesundheit und Befindlichkeit auseinander zu setzen. Es hilft Symptome besser wahrzunehmen, zu verstehen und einzuordnen. Es ermutigt, Fragen zu stellen und mit Ärztinnen und Ärzten offen und ohne Scheu zu kommunizieren.
Cornelia M. Kopelsky
Freie Fachjournalistin und Fachautorin
Service für bewegende Publikationen
Feckweilerbruch 28, 55765 Birkenfeld / Nahe
Publikationen@CMKopelsky.de
www.CMKopelsky.de